bild103berichtUnd es gibt ihn doch! Sechsmal mussten wir nach Schottland kommen, erst dann haben wir ihn entdeckt. Den kleinen schottischen Ort mit dem abenteuerlichen Namen Crianlarich. Denn auf unseren früheren Reisen in das nördlichste Land Großbritanniens gab es unzählige Wegweiser, die auf Crianlarich hinwiesen, gefunden haben wir ihn nie – wir haben allerdings auch nicht explizit danach gesucht. Fast kam es uns vor, als wäre Crianlarich ein verwunschener Ort. Ebenso verwunschen wie Frederick Loewes Ort Brigadoon im gleichnamigen Musical, welcher nur einmal in 100 Jahren aus den Nebeln des schottischen Hochlandes auftaucht, um der Welt zu sagen, „Hello, we´re still here!“.

Nachdem wir erst sehr spät mit dem Flieger in Prestwick ankommen, haben wir dieses Mal keine Gelegenheit, schon bei unserer Ankunft in Schottland, die fantastische Gegend in uns aufzusaugen. Wir müssen so schnell wie möglich unsere erste Unterkunft erreichen, denn bis spät in die Nacht wollen wir nicht im Auto verbringen, und auch unsere Gastfamilie will irgendwann mal ins Bett. Aber wir schaffen es und sinken glücklich in die Federn.

Der erste Tag am Rande der schottischen Highlands begrüßt uns mit strahlendem Sonnenschein und recht warmen Temperaturen – eine Wohltat im Gegensatz zum verregneten und kalten Maiwetter in Deutschland. Wer also meint, Schottland sei ein Land, in dem es immer nur regnen würde, der irrt gewaltig! Nach einem ausgedehnten schottischen „Full Breakfast“ mit Kaffee, Cerealien, Toast und Marmelade, Ei, Schinken, einem Würstchen mit undefinierbarem Inhalt, Pilzen, Bohnen und nicht zu vergessen der – für viele ungenießbaren – Blutwurst, machen wir uns auf, um endlich in die Highlands einzutauchen.

AUF IN DIE HIGHLANDS

bild104berichtUnsere erste Etappe ist gleichzeitig eine der von Touristen meistbefahrenen und historischsten Strecken überhaupt. Von Crianlarich aus geht es über Tyndrum und Bridge of Orchy, vorbei an dem kleinen Loch Tulla direkt zum Meall-á-Bhuiridh, dem Glen Coe Ski Center. Wären wir nicht schon im letzten Jahr mit dem Sessellift auf den 1108 Meter hohen Berg gefahren und hätte der Lift nicht geschlossen gehabt, wir hätten es wieder getan, denn die grandiose Aussicht auf den sagenumwobenen und geschichtsträchtigen Glen Coe sollte man sich nicht entgehen lassen. Nun muss also ein Foto als Erinnerung reichen.

Die nächsten Motive für das Fotoalbum lassen nicht lange auf sich warten. Denn spätestens mit der Einfahrt in den Glen Coe eröffnet sich dem Besucher eine andere Welt. Traurige Berühmtheit erlangte das Tal in Schottland durch das Massaker im Jahr 1692, als der Clan der Campbells den Clan der Macdonalds überfiel und 40 von ihnen tötete. Der Glen Coe, das enge Tal, ist das meistbesuchte in ganz Schottland. Liegt es ja auch an der Hauptverbindung Glasgow – Inverness und damit an der Touristenstrecke Nummer 1. Überlaufen ist Glen Coe deswegen aber nicht.

bild001berichtEine Straße schlängelt sich durch das Tal, links und rechts ragen majestätisch die Berge in die Höhe, kahl, zu dieser Jahreszeit noch überwiegend in Brauntöne gehüllt. Schwer fällt einem hier das Autofahren, das Konzentrieren auf die Straße vor einem. Wie gut, dass es immer wieder Parkplätze gibt. Wir nutzen den Parkplatz direkt vor den „Three Sisters“ um auszusteigen und die atemberaubenden Bergmassive auf uns wirken zu lassen. Kein Mensch will dort an diesem Vormittag die Aussicht genießen. Wir stehen vor den baumlosen Bergen, unsere Blicke schweifen den Glen entlang. Oben auf den Bergen liegt noch Schnee, weiter unten beginnt die Natur langsam zu erwachen, das erste Grün verdrängt das Braun des Winters. Letztes Jahr waren wir auch schon hier, damals nur vier Wochen später. Und damals war alles schon saftig grün. Alles sieht ganz anders aus. Was für ein Unterschied!

Nach einigen weiteren Erinnerungsfotos und einigen ehrfürchtigen Momenten vor der Schönheit der Natur, geht es weiter Richtung Norden. Als nächstes durchfahren wir Ballachulish und Onich und fahren anschließend am rechten Ufer von Loch Linnhe, Fort William entgegen. Mit dem Wetter haben wir an unserem ersten Urlaubstag wirklich Glück! Die Sonne strahlt noch immer von einem tiefblauen Himmel und die Temperaturen sind wie sonst im August. Eine gute Gelegenheit an den Ufern des malerischen Loch Linnhe eine kurze Pause einzulegen und die Urlaubskorrespondenz zu erledigen. Schließlich wollen die Daheimgebliebenen auch etwas von unserem Urlaub haben. Neben blühendem Ginster, zwitschernden Vögeln und dem sanften Plätschern des Wassers lassen wir uns an einem Rastplatz, direkt am Ufer nieder. Stundenlang hätten wir hier ausharren können, doch wir wollten schließlich noch mehr von diesem faszinierenden Land sehen. Auch wenn wir das meiste schon kennen und schon einige Male gesehen hatten, es ist immer wieder neu, anders, einfach unbeschreiblich schön.

GLEN NEVIS – SCHÖNHEIT PUR

Wenige Kilometer weiter nördlich empfängt uns dann die Stadt in den Highlands, die unserer Meinung nach, mit zu den Schönsten zählt: Fort William. Nachdem wir eine Unterkunft für die nächsten beiden Nächte gefunden hatten, machen wir uns auch gleich wieder auf, um an einen unserer Lieblingsorte zu fahren, den wir vor einigen Jahren durch Zufall entdeckt hatten: den Glen Nevis. Dieses wunderschöne Tal beginnt direkt hinter Fort William und endet in einer Sackgasse. Vermutlich ist es deshalb bei Besuchern und Touristen weitestgehend unbekannt. Eine Single-Track-Road schlängelt sich durch den Glen, die Straße wird, je weiter man in das Tal vordringt, immer enger, bis sie schließlich auf einem Parkplatz endet. Von dort aus geht nur noch ein Wanderpfand entlang des Flusses Nevis. Doch schon nach wenigen Metern biegt besagter Pfad links ab und führt bergauf Richtung Ben Nevis, Aonach Mor und Binnein Mor.

bild105berichtWir aber verlassen an dieser Stelle den Wanderweg und nehmen einen Trampelpfad, der steil nach unten führt und irgendwo zwischen Felsen und Bäumen endet. Wenige Schritte noch und wir sind an dem Ort angelangt, den wir schon seit langem herbeigesehnt hatten. Wir sind direkt am Fluss Nevis, klettern über große und kleine Felsbrocken und lassen uns schließlich nieder, um die Natur in uns aufzunehmen. Hier, wir sprechen gerne vom Ende der Welt, vergisst man alles. Man sieht die majestätisch auftürmenden Bergmassive der Highlands, die direkt vor einem bis in die Wolken reichen. Weiter oben sind die Berge kahl, jedoch weiter unten beginnen die in Schottland spärlichen Wälder. Kaum Nadel- meistens Laubbäume, die um diese Jahreszeit langsam zum Leben erwachen. Hier unten ist es für uns fast wie im Paradies. Wir sitzen auf großen Steinen, lassen die Blicke schweifen, schauen dem Wasser hinterher, das mit lautem Getöse bergab Richtung Fort William drängt. Zu dieser Jahreszeit führt der Fluss noch mehr Wasser als im Sommer, da die Schneeschmelze noch nicht vorbei ist. Hier harren wir aus, schließen die Augen, lauschen dem Wasser und vergessen alles um uns herum. Die Sonne hat schon ziemlich an Kraft gewonnen und verwöhnt uns zusätzlich mit ihren warmen Strahlen. Hier lässt es sich aushalten, hier könnten wir ewig sitzen und einfach der Natur lauschen. Es ist ein grandioses Erlebnis, was wir bisher selten irgendwo anders erlebt haben.

So schön, wie der Tag begonnen hat, so endet er auch. Zwar sieht man vom Sonnenuntergang nichts, da die Berge hier zu hoch sind, allerdings taucht das Licht den Himmel in ein Farbenspiel, das man auch zu so später Stunde, wenn in Deutschland die Sonne längst untergegangen ist, immer noch sehen kann. Auch sind hier die Sonnenuntergänge viel länger, die Nächte viel kürzer. Und wenn wir nur einen Monat später hierher gekommen wären, hätten wir das Mitte Juni beginnende Dämmerlicht sehen können. Ein Naturspektakel, das es in Schottland mehr als eineinhalb Monate lang nicht mehr richtig dunkel werden lässt.

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